Was uns berührt

 

 

KUNST FÜR ALLE

 

2017 wurde ich von Rasmus Kleine, Leiter des Kallmann-Museums in Ismaning bei München angefragt, ein Projekt zur Wahrnehmung von Kunst zu entwickeln.  Ich hatte vorher bereits in meiner künstlerischen Arbeit damit experimentiert, Synästhesien von Malerei und Musik - auch wenn sie nicht angeboren sind - mental zu generieren und diese in Kunst um zu setzen. Ich konnte mit dieser Methode über Jahre hinweg Erfahrungen in Workshops sowohl mit Kunststudierenden, Kunstkolleg.innen als auch im eigenen Tun sammeln.

Jetzt ging es darum ob die Verhaltenswissenschaften in ihrer Anwendung auch seitens der Kunstbetrachter Hilfestellungen liefern könnte.  Speziell im Sinne einer vertieften, erweiterten und mehr erlebnis-orientierten Wahrnehmungsweise.

 

Wenn wir Kunst anschauen oder selbst künstlerisch tätig sind, wird eine Reihe von Gehirn-Arealen aktiviert, die unter anderem mit unserem tiefsten Selbst-Verständnis zu tun haben, wie wir uns in Bezug zu Nahestehenden und in der Welt erleben (1,2). Sie sind außerdem eng verknüpft mit Belohnungszentren, die seit jeher evolutionär von größter Bedeutung sind (3)  Dieses innere Selbstbild wird fortwährend upgedatet.  Das bedeutet, dass Kunst für unsere persönliche Entwicklung als Mensch eine wesentliche Rolle spielt.

Gleichzeitig gibt es zu diesen Arealen „Gegenspieler“, die bei Angst und Bedrohung aktiviert werden und die oben genannten Aktivitäten hemmen.  Eine Folgerung hieraus ist, dass wir möglichst diese Kunst- und Kreativitäts-Areale häufig aktivieren sollen.   Damit werden die entsprechenden Gehirnbahnen verstärkt und ausgebaut und bilden eine gute Barriere gegen Angst und Gefühle von Bedrohung.

 

 

Unser Projekt

 

In einem spartenübergreifenden Projekt von Wissenschaft und Kunst wollte ich zuerst ein besseres Verständnis unseres Forschungsobjektes erlangen.  Dafür untersuchten wir (4) im ersten Teil des Projekts die Psychologie von Museumsbesuchern, im Vergleich zu der von Nicht-Besuchern im Sinne eines UX-Designs (Users Experience = Nutzererfahrung).

 

Im zweiten Teil, dem eigentlichen Projekt, ging es darum die Wahrnehmung der Kunst zu erweitern und zu vertiefen.  Neben unseren Ergebnissen habe ich mich hier auch auf neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung gestützt.

Die Überprüfung erfolgte in einer experimentell angelegten Ausstellung im Kallmann-Museum, im Herbst 2019.

 

 

Teil 1

 

Die Fragestellung hier war: welche Eigenschaften, Werte und Einstellungen haben Besucher.innen von Kunstmuseen, die sie von Nicht-Besuchern unterscheiden. Im Hinblick hierauf wurde uns Zugang gewährt zu der internationalen Forschungs-Community der Psychologen Michal Kosinski der Universität Stanford und David Stillwell der Universität Cambridge (UK).  Wir konnten so teilhaben an einer großen Datenbank, die sie über Jahre erstellt haben.  Untersucht haben wir die Daten von Personen, die angaben, „gerne“ bis „sehr gerne“ Kunstmuseen zu besuchen („Museumsbesucher“), und verglichen diese mit den Werten von Personen, die das nicht tun („Nicht-Besucher“).

 

Die statistische Auswertung zeigt, dass sich beide Gruppen sehr stark voneinander unterscheiden, wobei die Gruppe der Museumsbesucher hoch signifikant fröhlicher, kreativer und offen für Neues sind.  Sie sind toleranter, emotionaler, haben eine höhere Vorstellungskraft, sind intuitiver, empathischer.  Sie verfügen vor allem über Selbstwirksamkeit, sind selbstbestimmter und sind eher spirituellen, geistigen und ästhetischen Dingen zugewandt.

 

Dies und die Erkenntnisse aus unserer Forschung steht im Widerspruch zu der ganz vorwiegend auf Bildung und Information ausgerichteten Bilddarbietung. 

 

 

 

Teil 2 des Projekts

 

Ziel des eigentlichen Projektes war es, in einer Ausstellung mit Bildern von De Muynck einen speziellen Zugang zu Kunst zu schaffen und zwar, sie auf einer körperlich verankerten, emotionalen, intuitiven Ebene erlebbar zu machen (Embodiment). 

 

 

Die Ausstellung

 

Die Ausstellung „Reframing“ war als experimenteller Raum angelegt, in dem zu Beginn, eine spezielle Einführung in sehr bequemen Sesseln stattfand.   Ein meditativ-suggestiver Text, wurde über Kopfhörer angeboten, mit dem Ziel einer emotionalen Sensibilisierung für die Bildbetrachtung in der nachfolgenden Ausstellung zu generieren.  Dazu wurde im ersten Raum das synästhetisch entstandene Bild Q15 zusammen mit der Ursprungsmusik: „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart“ von Ludwig van Beethoven dargeboten. 

In den weiteren Sälen befanden sich Bilder, die unter drei verschiedenen Rahmenbedingungen entstanden waren: in synästhetischem Kontext von Malerei und Musik, Träume und Trance sowie tief berührende Erlebnisse.

 

 

Die Resultate waren frappant:

 

Von insgesamt 253 Personen, die Bewertungsbogen ausfüllten, berichteten 206 über positive Veränderungen (also 81,42%).  47 Personen wollten entweder den Text nicht hören, oder blieben im Bewertungsmodus (Ich fand...).  Davon bewerteten 21 die Ausstellung positiv (8%), 13 negativ (5%) und 13 gaben sowohl positive wie negative Bewertungen (5%).

 

 

 

Die 206 Responder berichteten durch die Einführung in vielfacher Weise über veränderte und erweiterte Kunstwahrnehmungen, wie

 

·      eine erhöhte Intensität; Bilder werden farbiger, heller, tiefer, persönlicher, werden länger betrachtet; 

·      Kontraste werden verstärkt, starkes Rhythmik-empfinden;

·      Tranceartige Erlebnisse; in die Bilder hineingezogen werden; 3D-Wahrnehmung;

·      Erinnerungen, Träume;

·      Bilder verändern sich, bekommen Eigenleben mit eigener Geschichte;

·      Eigene Bilder, vermischen sich teilweise mit dem auf der Leinwand;

·      Farben, Formen werden besonders auffallend, spezielle Bildpartien und Farben verstärken verändern und bewegen sich

·      Bewegungen im Bild und im Selbst-erfahren (z.B. Impuls zu tanzen)

·      Neue Eindrücke; neuer Zugang zur Kunst; Synästhetische Erfahrungen; Fantasie wird angeregt

·      Ambivalenz-Gefühle werden aufgelöst (etwa zuerst abgestoßen, durch längere Betrachtung sich-einlassen können, versöhnt)

·      Weitere/r Sinn/e wird oder werden getriggert (etwa unbedingt anfassen wollen)

·      Musik passt; ist hilfreich; strahlt auf die anderen Bilder aus

 

Dazu wurde ebenfalls über intensivierte Emotionen berichtet:

 

·      Glücksgefühl

·      Tiefe Entspannung; gutes Gefühl; innere Balance, sich seelisch „weit“

·      Ekstatische Begeisterung; Veränderung des Lebens; Empathische Einfühlung; geöffnet für Neues; Inspiriert selbst zu malen

·      Leichtigkeit; alles ist möglich, alles ist erlaubt; Freiheit

·      Freude; Fröhlichkeit; sich lebendig fühlen

·      Sich geborgen fühlen

·      Sich Teil des Ganzen fühlen

·      Starke körperliche Erfahrungen; Orgiastisch

 

Gleichzeitig wurden bei entsprechenden Bildinhalten auch unangenehme Empfindungen angegeben, dies jedoch nur in 12% der Fälle.  Die meisten Reaktionen auf solche Bilder sind auch subsumiert unter der positiven Reaktion „Ambivalenz aufgelöst“ - d.h. zuerst wird Abscheu, Scham, Traurigkeit empfunden, dann mit längerer Betrachtung tritt eine veränderte Wahrnehmung ein, ein anderer Zugang, andere Empfindungen.  Das Bild wird irgendwie „verarbeitet“. 

 

 

Letztlich stellt sich heraus, dass der meditative Text für die Einführung vollumfänglich die Absicht, die Wahrnehmung von Kunst zu erweitern, zu intensivieren und zu verändern erreicht hat.  Mehr Versuche sollen unternommen werden, um nach zu spüren inwiefern auch andere Bilder – auch von anderen Künstler.innen – mit demselben Setting ein ähnliches oder gänzlich anderes Resultat liefern. 

Die Bedingungen für das gefühlsmäßige Sich-einlassens müssen allerdings stimmen.  Dazu gehören die äußeren Rahmenbedingungen der Räumlichkeiten, Zeit, Ruhe, Bequemlichkeit und vor allem auch neuropsychologisch fundierte und empirisch überprüfte Strategien beim Erspüren und Zulassen-können von Gefühlen.  Dies wurde hier im Instruktionsteil mit entsprechenden Sensibilisierungstexten versucht.

 

Das unmittelbare Erleben, die Wahrnehmung unserer eigenen Empfindungen und Gefühle bei der Bildbetrachtung vertiefen und erweitern unser Kunstverständnis.  Der direkte Zugang erlaubt es, Kunst erfahrbar für mehr Rezipienten und auf einer tieferen Ebene zu machen. 

Gerade die emotionale Annäherung an die Kunst, könnte auch die Schwellen für Besucher.innen von Kunstmuseen niedriger werden lassen.

 

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Referenzen

[1]Vessel, E. et al: The Brain on art: intense aesthetic experience activates the default mode network. Frontiers in Human Neuroscience, April 2012, Vol. 6, Article 66, S. 1-17

[2] Bolwerk, A. et al: How Art Changes Your brain: Differential Effects of Visual Art production and Cognitive Art Evaluation on Functional Brain Connectivity. Plos, one, July 1, 2014

[3] Rubner, J. & P. Falkai: Das Glück wohnt neben dem Großhirn.  Wie der Kopf unsere Gefühle steuert.  Piper, München, 2018

[4] Unsere Arbeitsgruppe besteht - außer mir - aus: Rüdiger Ullrich, Burkhard Peter und Christoph Mall. Das Projekt wurde von Rasmus Kleine und Andreas Kühne begleitet.

[5] Ausführliche Darstellungen von unserem Projekt und die wissenschaftliche Literatur dazu sind in verschiedenen Vorträgen und Artikel dargelegt.  Sie werden nach und nach unter der Rubrik „Texte“ hier in der Homepage eingepflegt.

[6] Vessel et al. A.a.O

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