Presse


Im Wald. Acryl auf Leinwand, 180 x 200 cm, 2011  Dimanche, Septembre 21, 2014

Verwunschene Welt in grellen Farben

Was da im Wald geschah, werden wir nie erfahren. Wir würden auch nur ungern hingehen und nachschauen. Die beiden Vögel machen keinen Mut.  Sie liegen auf dem Rücken, ihr leuchtendes Gefieder scheint zu brennen, und sie strecken ihre Beine so steif von sich, wie man es sonst von Toten kennt. Rita de Muynck nennt ihr Bild „Im Wald“ und weiss, dass der Ort in Märchen oft verwunschen ist und in alten Sagen für die Akteure viele Prüfungen bereithält.

Die in Belgien geborene, seit langem in München  lebende Malerin hat zuerst als Psychologin und Philosophin am Max-Planck-Institut gearbeitet, bevor sie sich der Malerei zuwandte. Ihre Bilder leben von der Symbolik des Unbewussten und bieten eine Expressivität, wie man sie von den Neuen Wilden kennt. Ein reichhaltiger Band stellt das eigenwillige Werk erstmals vor.

Gerhard Mack, Neue Züricher Zeitung, 21. September, 2014

  Jeudi, Août 7, 2014

HINAB INS UNBEWUSSTE

Eine Doppelausstellung in Überlingen zeigt Werke der Künstlerin Rita de Muynck

Wenn sie morgens aufsteht, liegen schon Pinsel und Papier bereit und sie malt ein Bild, jeden Tag. „Taggezeichnet– Nachtgezeichnet“ werden diese Zeichnungen genannt und in ihnen drückt die flämische Künstlerin Rita de Muynck spontan ihre Träume aus, die sie jederzeit abrufen kann. De Muynck hat neben ihrer Kunst auch Psychologie studiert. Dieser Aspekt fließt in ihre Arbeit kreativ ein, denn sie kann sich auch im wachen Zustand in Trance versetzen und dabei gleichzeitig Formen und Farben sowie Musik wahrnehmen. Dementsprechend sind auch ihre Bilder. Eruptionen von Farben und gestische Schwünge des Pinsels, ähnlich den Expressionisten, die ähnlich wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Ursprüngen der Welt zurück kehren wollten.

Der Kunsthandel Walz und die Städtische Galerie in Überlingen zeigen zeitgleich zwei Ausstellungen, die das Werk von der am Kochelsee bei München lebenden Künstlerin vorstellt. Während in der Galerie Walz auf den Mythos des Rotkapps, die archaische Erzählung des Rotkäppchen fokussiert wird, gibt die Städtische Galerie einen Überblick über das Kunstschaffen und konfrontiert die Werke mit alten Masken und prähistorischen Skulpturen des Mittelmeerraums, welche aus der eigenen Sammlung der Künstlerin stammen. Großformatige, farbenfrohe Ölbilder und kleinformatige Zeichnungen bestimmen das Oeuvre, beide jedoch oft surreal und rätselhaft.

In einem 200x240 cm großen Ölbild steht ein kleines Kind in einer Glasglocke in der unteren Ecke. Links und rechts sind senkrecht, den gesamten Bildraum füllend, glutrote Tore gemalt, die einen blauen Spalt offen lassen. In diesen dringt ein großer schwarzer Vogel, der bedrohlich über dem Kind schwebt, das wiederum zu ihm nach oben starrt. Wird das Kind angegriffen oder gerettet, wie es der Titel suggeriert? Beschützt die Glasglocke das Mädchen oder ist sowieso alles nur geträumt und die Künstlerin will nur andeuten, dass es etwas Bedrohliches gibt? Wir wissen es nicht und das Ganze bleibt rätselhaft, wie Vieles in den Bildern von Rita de Muynck.

Archaisches und Mystisches fasziniert die Künstlerin und ein wichtiges Motiv, das sich in ihren Bildern immer wieder findet ist das Märchen von Rotkäppchen der Großmutter und dem Wolf. Dabei ist es nicht die biedermeierliche Erzählung der Gebrüder Grimm, die Rita de Muynck in den Mittelpunkt stellt, sondern der alte Mythos aus der Frühgeschichte der Menschheit, der angeblich ein Initiationsritus ist. Dort wird der Mensch zerrissen und gefressen, bevor er wieder neu aufersteht. Die Schönen und die Biester, Gewalt und Liebe, pure Emotion, unverstellter Instinkt und nicht durch Sozialisation überdeckte, aufpolierte Verhaltensweisen will die Künstlerin zeigen. Die Beschäftigung mit dem, was über Tausende von Jahren in uns abgelegt ist, was das Hirn speichern und welche alten Erfahrungen, Bilder und Erinnerungen es wieder abrufen kann, darum geht es in ihren Werken.

Aber nicht nur, denn andere Werkreihen beschäftigen sich auch mit heutigen Themen, wie z.B. das Triptychon „Der Himmel der Kühe“, das in der Städtischen Galerie zu sehen ist. Die groß angelegten Massentötungen von Rindern angesichts der BSE Krise inspirierte sie zu diesen Bildern, auf denen in kräftigen Rot-, Gelb- und Grüntönen und mit vehementen Strich Kühe vom Himmel stürzen und ein Universum der geschundenen Kreatur sich dem Betrachter darbietet.

Neben der Malerei zeigt die städtische Ausstellung auch Skulpturen und Installationen, so z.B. einen aus Blech hergestellten Menschen, der zwei lange Hörrohre in den Händen hält. Aus diesen ertönen Zitate von Albert Einstein zu Fragen über die Menschheitsgeschichte und weitere Antworten von heutigen Philosophen, die sich Gedanken über die Zukunft der Welt machen. Aus einer weiteren Skulptur, die aus Stahl, Gips und Papiermaché gefertigt ist und aus vielen zusammengesetzten Fetzen, die bunt angemalt sind, besteht, ragen Köpfe, Füße, Beine und eine Mütze heraus. Chaos suggeriert die Skulptur und auch hier wie in vielen Bildern unterschwellige Gewalt.

Rita de Muyncks Werke fordern den ganzen Betrachter. Sie provozieren nicht nur durch ihre vehemente und wilde Malweise, sondern machen uns nachdenklich, bringen uns zum Staunen und Schmunzeln und konfrontieren uns mit unterbewussten, brach liegenden Fähigkeiten des Menschen, die von unserer gekünstelten, sozialisierten Welt längst überdeckt wurden. Sie gehen unter die Haut.

Ulrike Niederhöfer. Südkurier. Kultur, 07. August, 2014

  Jeudi, Juillet 24, 2014

Das Unbewusste - Hier wirds Ereignis

Doppelausstellung der Künstlerin Rita De Muynck in Überlingen

Wölfe springen einen an, schwarze Todesvögel stoßen herunter– wild sind die Träume in Rita De Muyncks expressiver, explosiver Bildwelt und doch keine Alpträume. Der Wolf kann Bedrohung und Verheißung zugleich sein. Auch der „Himmel der Kühe“ ist erst nach der Massenschlachtung im BSE-Fieber erreicht.

Gleich zwei Ausstellungen führen in Überlingen in die archaischen Seelenräume der in Flandern geborenen Künstlerin. Die Idee zur Doppelausstellung mit rund 200 Exponaten kam von Kulturamtsleiter Michael Brunner, der in der Städtischen Galerie unter dem Titel „Unter die Haut“ Bilder und einzelne Objekte prähistorischen Exponaten aus Afrika und Polynesien gegenüberstellt, die Rita De Muynck zusammen mit ihrem Mann Rüdiger Ullrich gesammelt hat. Parallel dazu zeigt Michael Walz bei „walz kunsthandel“ kraftvolle Schlüsselwerke aus dem Rotkäppchen-Märchenzyklus sowie sogenannte Tages- und Nachtzeichnungen, die unmittelbar nach dem Erwachen entstehen und einen Traum der Nacht festhalten, mystische wie humorvolle.

Zum Humus zurück

Das Unbewusste hat Rita De Muynck schon immer interessiert. Vor ihrem Kunststudium hat sie in Psychologie promoviert. Sie spürt den Archetypen nach. Um sie zu ergründen, versetzt sie sich in Trance. Dieses nicht ästhetisierte „Zum Humus zurück“ ist für sie der Grundgedanke jedes Expressionismus. Eine 20 Meter lange Wandinstallation in der Städtischen Galerie versinnbildlicht den Grundgedanken, dass alles und alle im All zusammenhängen, einander begegnen, dass die Evolution Arten zusammenführt, um Neues zu schaffen. So stellt sie Initiationsmasken aus dem Kongo neben eigene Bilder von Masken: Gasmasken ebenso wie Burkas oder NS-Uniformen.

In ihrem Triptychon „Der Himmel der Kühe“ geht sie Grausamkeiten an Rindern nach, ihre „Wutkuh“ sucht nach dem gekeulten Kälbchen. Mit „kleinen Kreaturen“ bevölkert sie den ersten Raum. Hier fallen vor allem die „Fatschenkinder“ ins Auge, straff gewickelte Kleinkinder, die so an jeder Fortbewegung gehindert wurden und noch immer werden. Die ihrigen sind fröhlich, denn sie wickeln sich aus, befreien sich, schweben schließlich als luftige Drahtobjekte an der Decke. Sie sind erlöst wie die Märchen-Traumfiguren bei Walz. Denn Rita De Muyncks „Rotkapp“ ist stark, ist wiedergeboren durch die Begegnung mit dem Wolf.

Zu den Ausstellungen ist bei Hirmer der großformatige, reich bebilderte und sehr informative Band „Rita De Muynck – Unter die Haut“ erschienen.

Christl Voith, Schwäbische Zeitung. Kultur, 24. Juli, 2014

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