Presse


  Donnerstag, August 7, 2014

HINAB INS UNBEWUSSTE

Eine Doppelausstellung in Überlingen zeigt Werke der Künstlerin Rita de Muynck

Wenn sie morgens aufsteht, liegen schon Pinsel und Papier bereit und sie malt ein Bild, jeden Tag. „Taggezeichnet– Nachtgezeichnet“ werden diese Zeichnungen genannt und in ihnen drückt die flämische Künstlerin Rita de Muynck spontan ihre Träume aus, die sie jederzeit abrufen kann. De Muynck hat neben ihrer Kunst auch Psychologie studiert. Dieser Aspekt fließt in ihre Arbeit kreativ ein, denn sie kann sich auch im wachen Zustand in Trance versetzen und dabei gleichzeitig Formen und Farben sowie Musik wahrnehmen. Dementsprechend sind auch ihre Bilder. Eruptionen von Farben und gestische Schwünge des Pinsels, ähnlich den Expressionisten, die ähnlich wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Ursprüngen der Welt zurück kehren wollten.

Der Kunsthandel Walz und die Städtische Galerie in Überlingen zeigen zeitgleich zwei Ausstellungen, die das Werk von der am Kochelsee bei München lebenden Künstlerin vorstellt. Während in der Galerie Walz auf den Mythos des Rotkapps, die archaische Erzählung des Rotkäppchen fokussiert wird, gibt die Städtische Galerie einen Überblick über das Kunstschaffen und konfrontiert die Werke mit alten Masken und prähistorischen Skulpturen des Mittelmeerraums, welche aus der eigenen Sammlung der Künstlerin stammen. Großformatige, farbenfrohe Ölbilder und kleinformatige Zeichnungen bestimmen das Oeuvre, beide jedoch oft surreal und rätselhaft.

In einem 200x240 cm großen Ölbild steht ein kleines Kind in einer Glasglocke in der unteren Ecke. Links und rechts sind senkrecht, den gesamten Bildraum füllend, glutrote Tore gemalt, die einen blauen Spalt offen lassen. In diesen dringt ein großer schwarzer Vogel, der bedrohlich über dem Kind schwebt, das wiederum zu ihm nach oben starrt. Wird das Kind angegriffen oder gerettet, wie es der Titel suggeriert? Beschützt die Glasglocke das Mädchen oder ist sowieso alles nur geträumt und die Künstlerin will nur andeuten, dass es etwas Bedrohliches gibt? Wir wissen es nicht und das Ganze bleibt rätselhaft, wie Vieles in den Bildern von Rita de Muynck.

Archaisches und Mystisches fasziniert die Künstlerin und ein wichtiges Motiv, das sich in ihren Bildern immer wieder findet ist das Märchen von Rotkäppchen der Großmutter und dem Wolf. Dabei ist es nicht die biedermeierliche Erzählung der Gebrüder Grimm, die Rita de Muynck in den Mittelpunkt stellt, sondern der alte Mythos aus der Frühgeschichte der Menschheit, der angeblich ein Initiationsritus ist. Dort wird der Mensch zerrissen und gefressen, bevor er wieder neu aufersteht. Die Schönen und die Biester, Gewalt und Liebe, pure Emotion, unverstellter Instinkt und nicht durch Sozialisation überdeckte, aufpolierte Verhaltensweisen will die Künstlerin zeigen. Die Beschäftigung mit dem, was über Tausende von Jahren in uns abgelegt ist, was das Hirn speichern und welche alten Erfahrungen, Bilder und Erinnerungen es wieder abrufen kann, darum geht es in ihren Werken.

Aber nicht nur, denn andere Werkreihen beschäftigen sich auch mit heutigen Themen, wie z.B. das Triptychon „Der Himmel der Kühe“, das in der Städtischen Galerie zu sehen ist. Die groß angelegten Massentötungen von Rindern angesichts der BSE Krise inspirierte sie zu diesen Bildern, auf denen in kräftigen Rot-, Gelb- und Grüntönen und mit vehementen Strich Kühe vom Himmel stürzen und ein Universum der geschundenen Kreatur sich dem Betrachter darbietet.

Neben der Malerei zeigt die städtische Ausstellung auch Skulpturen und Installationen, so z.B. einen aus Blech hergestellten Menschen, der zwei lange Hörrohre in den Händen hält. Aus diesen ertönen Zitate von Albert Einstein zu Fragen über die Menschheitsgeschichte und weitere Antworten von heutigen Philosophen, die sich Gedanken über die Zukunft der Welt machen. Aus einer weiteren Skulptur, die aus Stahl, Gips und Papiermaché gefertigt ist und aus vielen zusammengesetzten Fetzen, die bunt angemalt sind, besteht, ragen Köpfe, Füße, Beine und eine Mütze heraus. Chaos suggeriert die Skulptur und auch hier wie in vielen Bildern unterschwellige Gewalt.

Rita de Muyncks Werke fordern den ganzen Betrachter. Sie provozieren nicht nur durch ihre vehemente und wilde Malweise, sondern machen uns nachdenklich, bringen uns zum Staunen und Schmunzeln und konfrontieren uns mit unterbewussten, brach liegenden Fähigkeiten des Menschen, die von unserer gekünstelten, sozialisierten Welt längst überdeckt wurden. Sie gehen unter die Haut.

Ulrike Niederhöfer. Südkurier. Kultur, 07. August, 2014

  Donnerstag, Juli 24, 2014

Das Unbewusste - Hier wirds Ereignis

Doppelausstellung der Künstlerin Rita De Muynck in Überlingen

Wölfe springen einen an, schwarze Todesvögel stoßen herunter– wild sind die Träume in Rita De Muyncks expressiver, explosiver Bildwelt und doch keine Alpträume. Der Wolf kann Bedrohung und Verheißung zugleich sein. Auch der „Himmel der Kühe“ ist erst nach der Massenschlachtung im BSE-Fieber erreicht.

Gleich zwei Ausstellungen führen in Überlingen in die archaischen Seelenräume der in Flandern geborenen Künstlerin. Die Idee zur Doppelausstellung mit rund 200 Exponaten kam von Kulturamtsleiter Michael Brunner, der in der Städtischen Galerie unter dem Titel „Unter die Haut“ Bilder und einzelne Objekte prähistorischen Exponaten aus Afrika und Polynesien gegenüberstellt, die Rita De Muynck zusammen mit ihrem Mann Rüdiger Ullrich gesammelt hat. Parallel dazu zeigt Michael Walz bei „walz kunsthandel“ kraftvolle Schlüsselwerke aus dem Rotkäppchen-Märchenzyklus sowie sogenannte Tages- und Nachtzeichnungen, die unmittelbar nach dem Erwachen entstehen und einen Traum der Nacht festhalten, mystische wie humorvolle.

Zum Humus zurück

Das Unbewusste hat Rita De Muynck schon immer interessiert. Vor ihrem Kunststudium hat sie in Psychologie promoviert. Sie spürt den Archetypen nach. Um sie zu ergründen, versetzt sie sich in Trance. Dieses nicht ästhetisierte „Zum Humus zurück“ ist für sie der Grundgedanke jedes Expressionismus. Eine 20 Meter lange Wandinstallation in der Städtischen Galerie versinnbildlicht den Grundgedanken, dass alles und alle im All zusammenhängen, einander begegnen, dass die Evolution Arten zusammenführt, um Neues zu schaffen. So stellt sie Initiationsmasken aus dem Kongo neben eigene Bilder von Masken: Gasmasken ebenso wie Burkas oder NS-Uniformen.

In ihrem Triptychon „Der Himmel der Kühe“ geht sie Grausamkeiten an Rindern nach, ihre „Wutkuh“ sucht nach dem gekeulten Kälbchen. Mit „kleinen Kreaturen“ bevölkert sie den ersten Raum. Hier fallen vor allem die „Fatschenkinder“ ins Auge, straff gewickelte Kleinkinder, die so an jeder Fortbewegung gehindert wurden und noch immer werden. Die ihrigen sind fröhlich, denn sie wickeln sich aus, befreien sich, schweben schließlich als luftige Drahtobjekte an der Decke. Sie sind erlöst wie die Märchen-Traumfiguren bei Walz. Denn Rita De Muyncks „Rotkapp“ ist stark, ist wiedergeboren durch die Begegnung mit dem Wolf.

Zu den Ausstellungen ist bei Hirmer der großformatige, reich bebilderte und sehr informative Band „Rita De Muynck – Unter die Haut“ erschienen.

Christl Voith, Schwäbische Zeitung. Kultur, 24. Juli, 2014

  Samstag, Februar 1, 2014

"Wenn sie mich packt"

Bilder, die unter die Haut gehen

"Die Bildfläche ist nicht nur Malgrund, sondern Kampffeld und Tanzboden für das, was die Malerin "Innere Bilder" nennt", schreibt Thomas Zacharias in dem aktuellen Ausstellungskatalog über das Werk der Künstlerin Rita de Muynck. Auf diesem Tanzboden geht es laut und leidenschaftlich, feinfühlig und nachdenklich zu. Es ist ein farbgewaltiger, berührender Tanz, den man nicht vergisst.

Fast ehrfurchtsvoll, still und mit suchendem Blick zur erklärenden Wandtafel: Ausstellungsbesucher lassen sich meist nicht in die Karten schauen, ob ein Kunstwerk sie packt oder nicht - schade, denn Museen sollten keine Weihetempel, sondern Orte der Emotionen sein. Die Kunst der Malerin und Multimediakünstlerin Rita de Muynck macht es dem Betrachter glücklicherweise schwer, Distanz zu wahren, denn sie ist voller mitreißender, suggestiver Kraft. Bilder wie Schluss mit dem Alpenglühn!, Wutkuh oder Requiem erzählen in expressiver Farbigkeit von der Auseinandersetzung mit existentiellen Erfahrungen, von Angst und Lust, von Obsessionen und Trauer. Zeichnungen und Installationen reflektieren humorig und eindringlich die Realität. De Muyncks Kunst ist wild und schrecklich schön.

Anlässlich zweier korrespondierender Ausstellungen in Überlingen ist ein üppig bebilderter Katalog erschien, die zum ersten Mal das umfangreiche Werk der Künstlerin von 1993 bis 2013 versammelt. Neben Essays namhafter Kunsthistoriker über De Muyncks Arbeiten gewährt die Künstlerin durch eigenen Texte und Interviews mit der Herausgeberin Andrea C. Theil sehr persönliche Einblicke in die Entstehung ihrer Kunst und ihrer Gedankenwelt.

Rita De Muynck. Under the Skin - Unter die Haut.

18. Juli - 2. November 2014. Städtische Galerie Überlingen und Walz Kunsthandel, Überlingen

Katalog zur Ausstellung: Hrsg. von Andrea C. Theil inkl. einem Interview mit der Künstlerin. Hirmer Verlag, € 29,90

Fresko - Das Magazin für Kultur- und Kunstgenießer 02/2014 (Autor: um)

  Samstag, März 13, 2004

LEBEN UND STERBEN

Ausstellung von Rita De Muynck in der Heilig-Geist-Kirche

Ungemein beeindruckend, wenngleich beim unvorbereiteten Hinsehen und Hinhören befremdlich ist die Klang & Bild-Installation Requiem der flämischen Künstlerin Rita de Muynck in der Heilig-Geist-Kirche am Roten Tor.

In einem an die Kapelle angrenzenden Raum des ehemaligen Elias-Holl-Baus wird der Besucher konfrontiert mit Bildern, deren Deutung sich nicht sofort erschließt. In ihrer Installation Requiem bebildert de Muynck großformatig Tod, Gewalt und Opfer. Geopferte Kinder grüßen aufrecht und starr vom Bild-Hauptaltar, sind dort wie in südlichen Wandgräbern einzeln in Bilder eingesargt. Allein für sie erklingt das Agnus Dei aus der Mars-Messe der Komponistin Helga Pogatschar, und in diesem Zusammenspiel berühren sich Leiden und Auferstehen, nehmen den namenlos Geopferten das Grauen.

Rita de Muynck, die außer ihrem Kunststudium auch Psychologie und Kommunikation abgeschlossen hat, sieht ihre Bilder in selbstinduzierter Trance, und wenn dies auch an die belgischen Kinderschänder erinnert, so kann dem Augsburger Betrachter auch Brechts Ballade vom Kinderkreuzzug in den Sinn kommen. Rechts und links des Kinderaltars hängen die anderen, in Trance geschauten Erlebnisse der Malerin. Auf keinem fehlt dabei die Darstellung eines Hundes. Rita de Muynck beruft sich hier auf die Tradition der Schamanen, sieht das Tier als Boten, als einen Begleiter oder Nothelfer.

Schwarz, Rot, Grün und Blau sind die dominierenden Acryl- und Ölfarben der Künstlerin. Blau symbolisiert das Empfinden, Rot und Grün spiegeln Kraft. Das Sterben ist eine andere Form von Leben, erklärt de Muynck und verweist auf das Bild Tod meiner MA . Noch umkleidet die Trauernde Dunkel, da verwandelt sich die geliebte Person schon in helles Licht. Die Kernaussage dieser Ausstellung aber bleibt bei den Kindern. Ihnen darf keine Gewalt geschehen, worauf bereits eine fest auf beiden Beinen stehende Kind-Plastik im Eingangsbereich hinweist.

 

 

Augsburger Allgemeine, Nr. 61, Samstag, 13. März 2004 (Autor: sysch)

  Freitag, Oktober 3, 2003

KLEIDER DIE DER SCHNEE VERSCHLUCKT

 

Sonderbare Mode-Ideen und Rotkäppchens Familienaufstellung sind derzeit in den Münchner Galerien zu sehen.

 

Das hermeneutische Spiel mit dem Mythos hier mit dem vom Rotkäppchen und dem anarchischen Wolf wäre ein alter Hut, den sich schon Generationen von Psychoanalytikern aufgesetzt haben, wenn es keine überzeugende künstlerische Form gefunden hätte. Rita de Muynck ist auf drei Etagen der Seidlvilla die contradictio in adjecto gelungen, ein expressionistisches und gleichermaßen konzeptionelles Gesamtkunstwerk zu schaffen. Begleitet von einer eigens komponierten Toncollage, sind Angst und Lust, Verführung und Zerstörung zu alternierenden Kraftfeldern in Form von Zeichnungen, Bildern und Plastiken kondensiert. Die Rollen der Schönen und der Bestie changieren und lösen sich in spannungsgeladenen Bildern auf. Titel wie Singing with the Wolf und Rotkäppchens Familienaufstellung sorgen dafür, dass die schamanistische Glut in der ironischen Waage gehalten wird.

Andreas Kühne, Süddeutsche Zeitung, 1. Oktober 2003

  Donnerstag, September 18, 2003

WEIL DAS WILDE IMMER SCHÖN UND SCHRECKLICH IST

Maheone Honehe: Von der Schlehdorfer Kunstfabrik in die Münchner Seidl-Villa

Rita de Muynck erzählt in einem vielschichtigen Kunstwerk unter anderem die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf.

(...) Maheone Honehe füllt zur Zeit in der Seidl-Villa in München drei Stockwerke und besteht nicht nur aus Bildern und plastischen Arbeiten, sondern wird ergänzt von einer CD, die die Künstlerin mit einfachen handwerklichen wie elektronischen Mitteln selbst komponiert hat. Die Künstlerin arbeitet figürlich, aber in starker, dynamischer Auflösung der Formen und mit den heftigen, gefühlsstarken Farben des frühen deutschen Expressionismus. Die Farbe wird mit kraftvollen Pinselbewegungen pastos aufgetragen, ein Teil der Arbeiten ist zudem reliefartig strukturiert.

Zudem sind zwei große, bemalte Plastiken in ihre Ausstellung aufgenommen worden. Zum einen die Große Mutter, die die Hoheit einer Priesterin ausstrahlt, jedoch durch eine Verbindung in Höhe des Leibes mit dem Wolf, einem sehr realistisch gesehenen Wolf, vermählt ist.

Zum anderen die Zerfetzung, eine weit übermannshohe Arbeit, eine Säule aus Stücken und Teilen, unter denen sich menschliche Gliedmaßen und der Wolfskopf ausmachen lassen.Die Zerfetzung entspricht der Zerstückelung, einer schamanistischen Vorstellung vom notwendigen Ersterben, ehe die Heilung beginnen kann.

Die Große Mutter, bei de Muynck versehen mit dem dunklen Gesicht der Schwarzen Madonna, und der Wolf können, sehr vereinfachend gesagt, als das männliche und das weibliche Prinzip gesehen werden, die über die Verschmelzung den Schöpfungsakt vollziehen. Alle Figuren, das Rotkäppchen, eine stilisierte Menschenfigur, eingeschlossen, können sich jedoch ineinander verwandeln. Der Wolf entspringt dem Kopf der Großen Mutter, doch trägt sie auch die jungen Wölfe in ihrem Leib. Bis es soweit kommen konnte, musste zunächst die Verführung ihr Werk tun. Der Wolf wirkt auf das Rotkäppchen ein und treibt es zur Ekstase. Es wird ihm nun die Großmutter überlassen und damit beginnt Rotkäppchens Wandlung. Es gerät ins Wasser, die unberechenbare Gefühlwelt, danach hängen die Seelenteile, die auch Teile des Leides sind, an einer Leine, der neuen Ordnung gewärtig. Verführung, Zerstückelung und Paradies sind auch die drei Sätze der zugehörigen Musik überschrieben, in der sich wilde Ober-, Pfeif- und Brummtöne, Geschepper, Glöckchen, Wolfsgeheul und menschliche Stimmen zu akustischen Gemälden verbinden, in denen es alles gibt von der Kakophonie bis zum lyrischen Pianissimo.

In der Kunst von Rita de Muynck ist die Verschmelzung zwischen dem Schönen und dem Wilden unmittelbar da, so Thomas Zacharias in seiner Laudatio. Das Schöne ist ohne das Wilde nicht zu haben.

Das vielgestaltige Werk dürfte in der Gegenwartskunst nur wenige Entsprechungen haben.

Ingrid Zimmermann, Süddeutsche Zeitung, 18. September 2003

  Freitag, Juni 7, 2002

STARKE POLARITÄT ZWISCHEN AGGRESSIV UND LYRISCH

Die Schlehdorfer Künstlerin Rita de Muynck bewegt sich zwischen Schön und Animalisch _ Ihre Bilder entstehen ohne Kopfsteuerung.

Von Westen her noch vor dem Ortsschild Schlehdorf nach rechts.  Ein schmales Teerband zeigt sich, links ein Bauernhof,. dann, nach einer scharfen Biegung, denkt man schon, dass hier die Welt zu Ende sein muss. Aber es ist noch da, das schmucklose hohe weiße Gebäude mit den ladenlosen Sprossenfenstern, die "Kunstfabrik", im 19. Jahrhundert erbaut als Zement- und viel später als Gardinenfabrik genutzt.  Die Kühe vom benachbarten Bauernhof stehen grasend auf der Weide. Ein schwarzweißes Kalb diente als Motiv für eines der großformatigen expressiven Bilder von Rita de Muynck, die immer beides sind, heftig und dennoch von innerer Substanz. Zu sehen sein wird das Bild mit dem Kalb in einer Ausstellung, die am Samstag, 8. Juni, in der Galerie am Eichholz in Murnau eröffnet wird. Motto Les Belles et les Bêtes. In diesem Titel spiegelt sich, was die Malerin als charakteristisch für ihre Arbeit und ihre Lebenssicht bezeichnet: Polarität.

Im verschachtelten Bauch des alten Hauses, in einem großen, sehr hohen, fensterlosen Raum, stehen allerlei Sessel ungeordnet herum und an den Wänden hängen Bilder, die dem Betrachter zunächst den Atem nehmen: Die Wutkuh, mit ihren zornerfüllten Augen, längst vor der BSE-Krise entstanden, der sterbende Mann auf dem Waldboden, auf den der Wolf hinunterschaut, betitelt Requiem, eine Horde farbenblühender Hunde, in Form und Farbe Aggression pur. Es ist sehr nah am Animalischen, hatte Rita de Muynck der ersten Ausstellung dieser Bilder in München als eine Art Leitsatz mitgegeben. Es war jedoch damals nicht nur eine verstörende Bilderschau gewesen, in der zwischen Malerei und Trancezuständen eine Brücke geschlagen wurde, sondern bereits eine Installation unter dem Titel KlangNetze, in der auch noch Musik und Wort hinzukamen. Die CD dazu, eine vielschichtig ineinander greifende akustische Struktur aus einem Wechsel von aggressiv hämmernden und lyrischen Elementen, wird an einem Abend in Murnau zu hören sein. Inzwischen komponiert Rita de Muynck die Musik für Trance-Sitzungen, die der Malerei vorausgehen, selbst.

Die Bilder entstehen im Atelier, einem großen Raum mit vielen Fenstern auf der Rückseite der Fabrik. Direkt dahinter steigt steil der Berg an. Auf einem freien Fleck zwischen den gestapelten Bildern reckt sich eine im Werden begriffene Skulptur. Eine Frauenfigur aus Drahtgitter. Ein Wolf, schon mit Gipsbinden umwickelt, richtet sich vor ihr auf und hechelt ihr seinen Atem ins Gesicht. Da ist es also wieder, das Tier, nun in der Abwandlung Frau und Wolf, ein Urthema, mit dem sich die Künstlerin im Augenblick heftig herumschlägt. Es kommt in meinen neuen Bildern fast immer darauf hinaus, sagt Rita de Muynck, die Große Mutter gebiert den Wolf. Er bricht aus ihrem Leib heraus, ist aber Teil von ihr. Es ist beides in uns, die Große Mutter und der Wolf, das Animalische. Manche Menschen haben allerdings Schwierigkeiten, diese Bilder anzusehen.

Die Wurzeln von de Muyncks Malweise liegen in der Zeit der Maler der Brücke und des Blauen Reiter: Die expressiv verfremdete, auch brutal zupackende Gegenständlichkeit einerseits und andererseits die glühenden Farben, in denen Licht und Dunkelheit sich untrennbar mischen. Diese Bilder werden ohne Kopfsteuerung geboren. Dass es so richtig für sie ist, wird Rita de Muynck auf einer anderen Ebene ihrer Arbeit deutlich: Mit einer kosmopolitisch zusammengesetzten Theatertruppe in Paris hält die gebürtige Flämin engen Kontakt, holt sie auch gelegentlich nach Oberbayern. Zur Zeit wächst ein Stück zum Rotkäppchen, eine archetypische Auseinandersetzung mit dem Grimmschen Märchen um die Große Mutter, das innere Kind und den Wolf.

Vernissage zur Ausstellung "Les Belles et les Bêtes" in der Galerie am Eichholz in Murnau am Samstag, 8. Juni, 15 Uhr. Geöffnet Donnerstag, Freitag, Samstag von 17 bis 19h. Sonderveranstaltung "KlangNetze" am Sonntag, 23. Juni, 18 Uhr.

Ingrid Zimmermann, Süddeutsche Zeitung, Mai 2002

  Donnerstag, Oktober 8, 1998

Multimedia-Schau. Wahrnehmung durch Trance

Rita de Muynck und ihre KlangNetze in der Galerie der Künstler

Ein Orgelkonzert in einer Rokokokirche bringt den Raum mit all seinen Farben und prächrigen Stuckverzierungen zum Klingen. Wir erleben ein Fest der Sinne, weil sich Architektur, Kunst und Musik in einem gazheitlichen Prozeß vereinen. Was Kunst aus einer früheren Zeit so mühelos schafft, muß heute aufwendig konstruiert werden. Rita de Muynck, Hypno-Therapeutin und Malerin, hat für die Galerie der Künstler die multimediale Schau, "KlangNetze" entworfen, die ein sn-sthetisches Erlebnis ermöglchen soll und deshalb nur im Rahmen von Führungen besucht werden kann.

Rita de Muynck, die jahrelang an der Universität einen Lehrauftrag für "Malerei und Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit durch Trance" hatte, fand die Bildthemen dieser Ausstellung beim Musikhören in Trance. Gemalt wurde allerdings im wachen Zustand. Durch die fertigen Bilder ließ sich dann die Dichterin Alma Larsen zu Texten inspirieren. In der Galerie der Künstler erklingt zu den Bildern die dazugehörige Musik oder der gesprochene Text von Alma Larsen. Das wiederum erzeugt im Besucher neue, eigene Bilder. So wird aus der an sich kleinen Ausstellung mit nur zehn Werken eine große mit einer unbekannten Anzahl.

Rita de Muynck sieht das Projekt als ein Experiment im Rahmen der Erforschung der Bildentstehung und Wahrnehmungserweiterung an. Die verwendete Musik stammt ausschließlich von Komponistinnen, was durch die Zusammenarbeit mit musical femina e. V. bedingt war. Dueser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, diue Musik von Komponistinnen zu unterstützen und bekannt zu machen. Heuer wird das zehnjärige Bestehen gefeiert.

 

Hanne Weskott. Süddeutsche Zeitung. SZ Extra, Donnerstag, 8.10.1998

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